Gleichstellung im Beruf: ein langer Weg zur Selbstverständlichkeit
Vom „Frauenberuf“ zum freien Berufswahlrecht
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Arbeitswelt klar aufgeteilt: Männer waren Handwerker, Ingenieure oder Beamte, Frauen Lehrerinnen, Krankenschwestern oder Hausfrauen. Diese Einteilung beruhte weniger auf Begabung als auf gesellschaftlichen Normen, Bildungschancen und Gesetzen.
Bis 1958 durften verheiratete Frauen nur mit Zustimmung ihres Ehemanns berufstätig sein. Erst mit der Abschaffung des sogenannten „Gehorsamsparagraphen“ erhielten sie das Recht, selbst zu entscheiden, ob und wie sie arbeiten. Doch die rechtliche Gleichstellung bedeutete noch lange keine tatsächliche Chancengleichheit.
Bildung als Türöffner: für Mädchen und Jungen
Der Zugang zu höherer Bildung war für Mädchen der entscheidende Schritt in Richtung Selbstbestimmung. Doch auch Jungen wurden über Generationen in enge Rollenerwartungen gedrängt: Leistungsorientierung, Familienernährerrolle, technische Stärke – all das prägte ihr Selbstbild und ihre Berufswahl.
Mit der Bildungsexpansion ab den 1960er-Jahren öffneten sich neue Möglichkeiten. Frauen eroberten Universitäten, Männer engagierten sich zunehmend in sozialen Berufen – doch gesellschaftliche Zuschreibungen blieben hartnäckig.
Der lange Schatten der Rollenbilder
Heute sind die gesetzlichen Hürden längst gefallen, doch alte Muster wirken weiter. Wie das kommt?
Schon in der Grundschule verbinden Kinder Berufe mit Geschlechtern: Krankenschwester – Frau; Feuerwehrmann – Mann. Solche Zuschreibungen entstehen früh und setzen sich über Sprache, Medien und familiäre Vorbilder fort. Jungen, die Erzieher werden wollen, stoßen auf denselben Gegenwind wie Mädchen, die Ingenieurin werden möchten. Beide erleben, dass Mut zur Abweichung vom Erwarteten gefordert ist.
Gleichstellung als Standort- und Gesundheitsfrage
Klischees schaden nicht nur Individuen, sondern der gesamten Gesellschaft. Wer sich für einen Beruf entscheidet, der nicht zu den eigenen Interessen passt, läuft Gefahr, unzufrieden oder gesundheitlich belastet zu werden. Gleichzeitig verliert die Wirtschaft wertvolle Talente – ein ernstes Problem im Fachkräftemangel.
Eine klischeefreie Berufsorientierung ist darum nicht nur gerecht, sondern ökonomisch notwendig. Wenn Jungen soziale Berufe kennenlernen und Mädchen Technik ausprobieren, erweitert sich der Bewerberpool und die Chance auf langfristige Zufriedenheit steigt.
Vom Gesetz zur gelebten Gleichstellung
Wichtige rechtliche Grundlagen sind gelegt – vom Gleichberechtigungsgesetz (1958) über das Mutterschutzgesetz und das Elterngeld (2007) bis zum Gesetz zur Entgelttransparenz (2017). Doch Gesetze schaffen nur den Rahmen. Gelebte Gleichstellung entsteht dort, wo Bildung, Haltung und Begegnung zusammenkommen.
Projekte wie Be oK – Berufsorientierung und Lebensplanung ohne Klischees setzen genau hier an. In Bremen, Bremerhaven und dem Landkreis Osterholz erleben Schüler:innen der 6. und 7. Klassen, dass Talente keine Geschlechtergrenzen kennen. Sie treffen Role Models – Frauen in MINT-Berufen, Männer in sozialen oder pflegerischen Tätigkeiten – und lernen: Leidenschaft zählt mehr als Klischee.
Fazit: Gleichstellung beginnt im Kopf
Die Geschichte der Gleichstellung im Beruf ist kein Kapitel über Frauen allein, sondern über Menschen, die sich von engen Erwartungen befreien. Sie zeigt: Strukturen können sich ändern – wenn wir den Mut haben, Rollen neu zu denken.
Be oK schafft diesen Perspektivwechsel. Das Projekt fördert Selbstvertrauen, Vielfalt und Orientierung – und leistet so einen Beitrag zu einer Gesellschaft, in der jede und jeder den eigenen Weg gehen kann.
Denn Gleichstellung bedeutet nicht Gleichmacherei, sondern Freiheit zur individuellen Entfaltung – für alle Menschen.




